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Aus der pädagogischen Arbeit

Altersgemäße Typen von Klassenfahrten

Bis heute gibt es noch keine theoretisch-menschenkundliche Fundierungeiner „Klassenfahrten-Pädagogik“. Während Themenlager speziell in der Mittelstufe angebracht sind, sind es für die Klassen darunter und darüber wiederum vollkommenandere Typen von Fahrten, die diesem Alter angemessen sind.
Eine aus dem Lehrplan der Waldorfschule gewonnene Differenzierung der Klassenfahrten könnte im ersten Angang beispielsweise folgendermaßen aussehen:
 
Klasse 3: Erste Klassenfahrt in Schulnähe mit einer einmaligen einfachen Übernachtung.

Klasse 4: Erste mehrtägige Klassenfahrt in die Umgebung. Naturerlebnisse und Bewegung stehen im Vordergrund.
 
Klasse 5: Einwöchige Klassenfahrt, Erkundung der Heimat, gemischtes Programm sehr einfache Bedingungen. Bevorzugung von Zeltlagern.

Klasse 6: Erstes Lager außerhalb der Heimat. Erstes Themenlager möglich. Themenbeispiele: Indianer, Zigeuner, Zirkus, .....

Klasse 7: Erstes Abenteuerlager. Der statische Charakter der Klassenfahrt in der 6. Klasse gewinnt nun an Dynamikund Dramatik. Aus der Addition von Einzelaktionen wird ein bündiges und spannungsreiches Gesamtkonzept. Das „Entdeckeralter“ erfordert Klassenfahrten, die als „Expeditionen“ oder als „Aventiuren“ konzipiert sind. Das Lager sollte auch unter einem Motto stehen (Ritter, Hexen, Piraten, ...). Bootsfahrt als geeignetes Medium.
 
Klasse 8: Erstes Projektlager. Mitten in der Pubertät bieten sich hier vor allem Fahrten in die Berge oder ins Gebirge an. Eine Begegnung mit der natürlichen Schwere der Erde kann dadurch in „homöophatischer Weise“ auf die „Erdenschwere“ des Jugendlichen wirken. Gleichzeitig ist die Förderung des Weltinteresses und des Jugendidealismus in diesem Alter die zentrale pädagogische Herausforderung. Die Projektform ist dafür der geeigneteste didaktische Weg. Beispielsweise bieten in diesem Alter gewagte Trekkingtouren die Chance, zum letzten Mal die alte Klassengemeinschaft erleben, persönlich im Wandern und Bergsteigen die eigene „Schwere“ und den „inneren Schweinehund“ durch Willensanstrengung zu bezwingen und drittens innerhalb eines Projektes den Idealismus zu wecken (z.B. Alpen-Teilüberquerung auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela).

Klasse 9: Erstes Individual-Lager. Der Übergang in die Oberstufe und gleichzeitig in die eigentliche Jugendzeit ist meist gekoppelt mit inneren und äußeren Krisen. In der Regel beginnt der Jugendliche jetzt mit der Suche nach sich selbst, nach dem Kern seiner Persönlichkeit. Dieses Bedürfnis kann beispielsweise in der Art aufgegriffen werden, dass eine „Individual-Klassenfahrt“ stattfindet, bei der Einzelne, Paare oder kleine Gruppen ihre persönlichen Ideen, Bedürfnisse und Projekte verwirklichen. Oder eine gemeinsame Klassenfahrt, bei der in einer einsamen Gegend ein länger dauerndes „Solo“ im Mittelpunkt steht. (Alleinsein in der Natur über eine längere Zeitspanne, zwischen mehreren Stunden bis Tagen; leider wurden die Methoden der „Vision Quest“ und der „Jugendfeier“ bisher noch nicht ausreichend waldorfpädagogisch ausgewertet.) Das Landwirtschaftspraktikum (mit Einzelverschickung) entspricht dieser Grundidee. Klettern als Medium der Wahl (einsames Ringen mit dem harten Felsen als „Skelett der Erde“).

Klasse 10: Erste Großfahrt. Passend für die Entwicklung des Zehntklässlers ist nun eine Klassenfahrt im Stile einer „Großfahrt“. Der inneren psychischen Verfassung adäquat ist in diesem Alter das wässrig-stürmische Element. Insofern wäre jetzt ein Segeltörn oder ein Kanulager altersmäßig geeignet. Als Allegorie für die sich anschickende Fahrt ins Leben und als vollkommen neuartiges Feld, sich in der Kooperation mit den Klassenkameraden zu bewähren, kann ein Segeltörn ungeahnte Impulse geben und Entwicklungen anstoßen.

Klasse 11: Erstes Workcamp. Das passende Alter für ein größeres Workcamp ist die 11. Klasse. Die gröbsten Stürme der Pubertät sind bereits vorüber, und das Interesse an der sozialen Problematik erreicht einen Höhepunkt. Innerlich tobt in diesem Alter der Kampf um die zu entwickelnde Lebensgrundeinstellung anhand von bohrenden Fragen, wie: Steht die Pflicht über der Neigung? Ist Nächstenliebe wichtiger als Selbstverwirklichung? Will ich mein Leben eher bürgerlich oder idealistisch entwerfen?..... Eine pädagogisch geschickte Orientierungshilfe erfährt der junge Mensch möglicherweise auf einer Klassenfahrt, die als „Workcamp“ ausgerichtet ist (Hilfseinsatz, Baulager, „humanitäreProjekte“, ...)

Klasse 12: Kulturfahrt. Als Abschluss der Schulzeit hat sich an einigen Waldorfschulen eingebürgert, eine Kulturfahrt durchzuführen. Die Schüler sind in der Regel bereits volljährig und stehen kurz vor der „Entlassung“ ins Leben und in die Welt. Kultur- und Studienreisen bieten eine vorzügliche Möglichkeit, die Schüler auf diesem Weg in die Welt, die eine Welt der Kultur ist, zu begleiten. Über dies kann bei diesen Fahrten eine zukunftsfähige Einstellung zu Tourismus vermittelt werden.


Zum Autor: Michael Birnthaler, geb. 1963, Lehramtsstudium für Kunst, Sport, Geographie, Diplompädagogik in Freiburg, Waldorflehrerseminar Witten-Annen Dissertation in Erzeihungswissenschaft („Erlebnispädagogik“). Seit 1992 Lehrer für Turnen und Religion an Waldorfschulen. Seit 2000: Forschung beim Bund der Waldorfschulen, Dozent an Lehrerseminaren und Hochschulen, Vorträge, Leitung von EOS-Erlebnispädagogik/Seminarleitung.

Aus: „Erziehungskunst“, Februar 2005