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Aus der pädagogischen Arbeit

1. Idee, Ziele

Gibt es eine formulierbare Vision der Klassenfahrt, übergeordnete Ziele? Woran sollen sich die Schüler in fünf Jahren nocherinnern? Wodurch soll das Flair, das Unverwechselbare, Nachhaltige entstehen? Ist das Programm „rund“? Zu kopf- oder „bauchlastig“? Ist das Programm geschlechtergerecht? Welchen bildenden Wert hat die Fahrt? Ist Lernen und Erlernen miteinander verwoben? Ist das Programm altersgemäß?


2. Dramaturgie

Sind die Tage und Elemente zu einer Gesamtkomposition verbunden? Sind die einzelnen Programmteile künstlerisch durchgestaltet und mit der Gesamtunternehmung vernetzt? Sind gezielt Elemente zur Bildung der Gemeinschaft integriert?


3. Dynamik
        
Gibt es zu viele oder zu wenig Pausen? Wann wird es hektisch, wann langweilig? Klassenfahrt im Fluss? Gibt es eine atmende Gestaltung des Tages und eine aufbauende Dynamik in der Woche? Wie ist die didaktische Struktur? Gibt es zu viele oder zu wenig Angebote, ein zu buntes oder dürftiges Programm? Sind alle Interessen vertreten?


4. Rahmen

Liegt der Standort in einer schönen Umgebung? Gibt es ausreichend Freizeitmöglichkeiten? Ist die Unterkunft gepflegt? Ist die Logistik leicht? Ist der Standort ein „Massenlager“? Wie hoch ist der Betreuerschlüssel? Sind die Betreuer qualifiziert? Ist das Team eingespielt? Sind jüngere und ältere Kollegen dabei? Wie sieht es mit der materiellen Ausstattung aus (Sport, Theater, Freizeit, Zirkus, Workshops, Spiele...)? Gibt es einehochwertige und abwechslungsreiche Verpflegung, gute Küche?
Im Folgenden soll lediglichauf die Aspekte „Dynamik“ und „Ziele“ näher eingegangen werden.
 
Rudolf Steiner: Konferenzen. GA 300b, Dornach 1975 (Nachdruck 1995), Konferenz vom 02.03.1923, S.299


Erlebnispädagogik statt Action-Hopping

Auf die Kinder lauern bei einer Klassenfahrt vor allem zwei „Feinde“: die Langeweile und der „Erlebnisstress“. Auf der einen Seite haben wir die Klassenfahrt, die in allzu dürfitger Weise die Erlebnissucht der Schüler anspricht. Ein vor noch nicht allzu langer Zeit gültiger Standard für Klassenfahrten (Wandertag, Bastelaktionen, Spiele- und Singabend, Badetag, Tischtennistunier, Lagerfeuer und kleine Nachtwanderung) wird heute von den Schülern in der Regel als „langweilig“ empfunden.
Aus diesem Grunde sind etliche Pädagogen und professionelle Anbieter dazu übergegangen, Klassenfahrten mit erlebnispädagogischen Elementen „aufzuwerten“, und setzen verstärkt auf die „Erlebnis- und Action-Karte“: Kajakfahren, Höhlen, Klettern, (Compound-)Bogenschießen, Abenteuerspiele, River-Rafting, Ropes-Course (Seilgärten), Mountainbiking, Segeln, Surfen, Tauchen, Survival, Abseilen.... Ein Kick jagt oft den anderen- wodurch eine Klassenfahrt leicht in das Gravitationsfeld eines Disneyland- Erlebnisparks geraten kann. Dieses Erlebnisparkkarussell wird von vielen Schülern auf die Dauer als erschöpfend, aushöhlend und oberflächliche „Spaß-in-Tüten-Aktion“ erlebt. Denn hier setzt sich auf einer anderen Ebene dasfort, was an der Schule leider ohnehin zum Überdruss praktiziert wird: die Konsumhaltung! Sind es in der Schule Wissensberge, so sind es auf solchen Klassenfahrten die Erlebnisberge, die sich anhäufen. Damit bleibt es für den Schüler wie bisher: Er ist Objekt einer Konsumwelt, einer Welt des „Habens“.Während es in der Schule primär um das „Haben“ von Wissen geht, ist es bei dieser Art Klassenfahrt das „Haben“ von Erlebnissen. In beiden Fällen bleibt jedoch die „Seins-Dimension“ verschlossen.
Davon spricht bereits Rudolf Steiner, der sich vor Wandervogel-Vertretern darüber mokiert, dass zahlreiche Fahrten ins Ausland unternommen werden, die Abenteuer aber am Wegrand liegen,und dennoch kommen die Jugendlichen eigenartig leer zurück. ² Den Grund hierfürsieht er darin, dass nicht wirklich „erlebt“ worden ist, sondern dass lediglich oberflächliche Abenteuer konsumiert wurden. Denn erst das „lebendige, tiefeErleben“ würde die Seelen der jungen Menschen „satt“ machen, sie nachhaltig erfüllen und befriedigen.
So bedarf es heute dringender denn je einer Ergänzung der Erlebnispädagogik durch eine Pädagogik, welcher es nicht primär um die Anhäufung von Erlebnissen geht, sondern um die Sensibilisierung der Erlebnisfähigkeit. Denn es sind heute nicht die äußeren Eindrücke, an denen es jungen Menschen mangelt, sondern die Fähigkeit, diese Eindrücke richtig erleben zu können. Insofern bedarf es einer „Erlebenspädagogik“, die den Menschen für ein tiefes Erleben sensibilisieren will.


Neue Formen der Klassenfahrt

Bislang galten Klassenfahrtenin erster Linie als herausragende Möglichkeit, dem einzelnen Schüler wertvolle Erlebnisse zu vermitteln und die Klassengemeinschaft zu stärken. Noch wenig beachtet ist hingegen die Dimension der „Bildung“ im Bereich von Klassenfahrten.
Einen wesentlichen Schritt in diese Richtung gehen so genannte „Themenlager“. Sie basieren auf der  experimentellen Idee, Bildung und Erlebnis zu einer chancenreichen Synthese zu modellieren. Hintergrund dieses Konzeptes ist, dass sich Erlebnis und Bildung wechselseitig befruchten. Dem unseligen Auseinanderfallen von „Leben“ und „Schule“, „Kopf“ und „Bauch“ , von „verkopftem Lernen“ und „kopflosem Erleben“ könnte damit entgegengewirkt werden.

Beispiel: Eine 6. Klasse will im Hauptunterricht das Thema „Artus“ behandeln.
Möglichkeit 1: Der Stoff wird konventionell im Unterricht vermittelt (schulpädagogisch).
Möglichkeit 2: Das Thema wird in Unterrichtsform während einer Klassenfahrt dargeboten. Das wäre ein additives Konzept: Unterricht plus Freizeitangebote (freizeitpädagogisch).
Möglichkeit 3: Es findet eine Fahrt statt, die mit mittelalterlichen Elementen und Erlebnissen (in einer Burg, Mittelalter-Workshops, Turniere, mittelalterliche Bräuche und isolierte „Abenteuer“) „überbacken“ ist (erlebnispädagogisch).
Möglichkeit 4: Er wird eine „Artus-Klassenfahrt“ entwickelt. Statt Konsum von beliebigen Erlebnispaketen: ganzheitliches Verschmelzen mit dem Thema, bei dem der Bildungsgehalt wieder verflüssigt wird (Themenlager; erlebenspädagogisch?).


Themenlager hieße konkret:

-Authentischer Rahmen: Alte Burgen, Schlösser, Klöster, eignen sich wesentlich besser, das Thema „Artus“ lebendig nahe zubringen, als sterile Freizeitheime.
-Drehbuch: Die Klassenfahrt ist wie ein großes Theaterstück konzipiert (z.B. „Die Ritter der Tafelrunde“), bei der die Schüler selbst zu Akteuren in der „gespielten Geschichte“ werden.
-Schauspiel: Schlüsselszenen werden schauspielerisch dargestellt (auch bei minimalem Aufwand kann von kleinen Theaterstücken eine faszinierende Wirkung ausgehen).
-Großgeländespiele: Geländespiele, Ralleys, Postenläufe, Turniere, Schnitzeljagden.... werden miteinander zu „Aventiuren“ verzahnt und in das Drehbuch eingebettet. Die Nachmittage mit den aufeinander aufbauenden Geländespielen stellen gleichsam die verschiedenen gespielten „Theater-Akte“ des Stückes „Artus“ dar.
-Workshops: Um die Aufgaben bei den Geländespielen lösen zu können, müssen Fertigkeiten erlernt werden. Dies geschieht in den Workshops am Vormittag (Handwerkliches, Naturkundliches, Sportliches, Circensisches, Künstlerisches: die Ergebnisse der Workshops werden am letzten Abend präsentiert).

² Rudolf Steiner: GA 217a. Die Erkenntnis-Aufgabe der Jugend. Dornach 1981, Vortrag vom 9.6.1924, S. 159

-Gemeinschaftsbildung: Durch die außergewöhnliche Herausforderung und den Ernstcharakter entsteht rasch eine intensive Gemeinschaft. Diese wird mit Hilfe von verschiedenen Methoden (kooperative Abenteuerspiele, Vertrauensübungen, Initiativaufgaben, Wahrnehmungsübungen) weiter gezielt gestärkt und geschult.
Obwohl dieses Konzept relativ aufwendig ist, lohnt sich ein solches Engagement in der Regel für sämtliche Teilnehmer. Häufig haben wir erlebt, dass Kinder nach Klassenfahrten oder Ferienlagern dieser Art vollkommen begeistert und hoch motiviert nach Hause gekommen sind- und sich mit Heißhunger auf Bücher und Material zu diesem Thema gestürzt haben. Von anderen Kindern hörten wir, dass sie nach der Fahrt 50seitige Tagebücher schreiben, Bilder malten, eigene Spiele zum Thema programmierten oder sogar eigene komplexe Großgeländespiele entwarfen und inszenierten.
Warum aber reagieren Kinder und Jugendliche auf dieses Konzept von Klassenfahrt und Ferienlager mit solch erstaunlicher Begeisterung? Symptomatisch für den aufbrechenden Bilder- und Erlebnishunger junger Menschen können zwei benachbarte Phänomene geschildert werden:
-die Hochkonjunktur von Phantasiewelten: Der Boom von „Harry Potter“ oder „Herr der Ringe“ zeigt, dass Kinder und Jugendliche sich nach einer „Wiederverzauberung“ der Welt sehnen.
-der Boom der LARPs: Einen erstaunlichen Zulaufhat seit einigen Jahren die „LARP- Bewegung“ (Live Adventure/Action RolePlay). Aus Strategie- und Computerspielen entwickelt, werden bei Cons (Treffen von einem Tag bis zu einer Woche Dauer) Phantasythemen in gigantische Geländespiele umgesetzt.

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